Airbagnaht beim Autositz – Was wirklich erlaubt ist und worauf Sie achten sollten

Veröffentlicht am: 03. August 2022

Ford Thunderbird 1957

BVFR- Verbandsempfehlung „SAB-Naht“

Wer einen Autositz neu beziehen lässt, stellt sich früher oder später eine wichtige Frage: Was passiert mit dem Seitenairbag?

Immer wieder hört man Aussagen wie: „Ein neu bezogener Sitz verliert die Betriebserlaubnis.“ Oder: „Sitze mit Airbag dürfen nur vom Hersteller bezogen werden.“

Diese Aussagen sorgen für Unsicherheit – sind aber in dieser Form nicht richtig.

Tatsächlich gibt es für Sitzbezüge mit Seitenairbags klare technische Verfahren und anerkannte Empfehlungen. Entscheidend ist nicht, ob ein Sitz neu bezogen wird, sondern wie die Arbeiten ausgeführt werden.

In diesem Beitrag erklären wir, wie eine Airbagnaht funktioniert, welche gesetzlichen Grundlagen gelten und warum die fachgerechte Verarbeitung im Sattlerhandwerk so wichtig ist.

Was ist eine Airbagnaht?

Eine Airbagnaht – häufig auch SAB-Naht (Seitenairbag-Naht) genannt – ist eine speziell entwickelte Sollreißnaht im Sitzbezug.

Sie erfüllt eine wichtige Aufgabe.

Löst der Seitenairbag aus, öffnet sich der Sitzbezug genau an der vorgesehenen Stelle. Dadurch kann sich der Airbag innerhalb weniger Millisekunden entfalten.

Damit das zuverlässig funktioniert, müssen viele Faktoren exakt aufeinander abgestimmt sein.

Dazu gehören unter anderem:

  • der richtige Bezugsstoff,
  • die Auswahl des Garns,
  • die Stichlänge,
  • die Fadenspannung,
  • der Zuschnitt,
  • sowie die fachgerechte Montage des Sitzbezugs.

Schon kleine Abweichungen können das Öffnungsverhalten beeinflussen. Deshalb gehört die Herstellung einer Airbagnaht ausschließlich in erfahrene Hände.

Darf ein Autositz mit Seitenairbag neu bezogen werden?

Ja.

Grundsätzlich dürfen Sitze mit integriertem Seitenairbag neu bezogen werden.

Entscheidend ist jedoch, dass die Arbeiten fachgerecht ausgeführt werden und der Sitzbezug für dieses System geeignet ist.

Ein professioneller Sattlereibetrieb ersetzt nicht einfach den vorhandenen Bezug. Er fertigt einen neuen Bezug an, der die technischen Anforderungen des Fahrzeugs berücksichtigt.

Dabei kommt es auf jedes Detail an.

Gibt es eine gesetzliche Norm für Airbagnähte?

Viele Fahrzeughalter gehen davon aus, dass es eine DIN-Norm oder eine gesetzliche Vorschrift für Airbagnähte gibt.

Das ist nicht der Fall.

Bis heute existiert keine eigenständige gesetzliche Norm, welche die Herstellung einer Airbagnaht verbindlich regelt.

Auch eine spezielle Bauartgenehmigung für Airbagsysteme oder Sitzbezüge mit Airbagnaht ist gesetzlich nicht vorgeschrieben.

Die Funktion eines Airbags wird im Rahmen der Fahrzeugentwicklung gemeinsam mit Sitz und Sitzbezug geprüft. Dabei erfolgen umfangreiche Crashversuche und Freigaben durch den Fahrzeughersteller.

Für spätere Ersatzbezüge gelten diese Typprüfungen jedoch nicht automatisch.

Gerade deshalb orientieren sich qualifizierte Sattlereien an anerkannten technischen Empfehlungen und dokumentierten Fertigungsverfahren.

Was sagt die Straßenverkehrs-Zulassungs-Ordnung?

Auch die Straßenverkehrs-Zulassungs-Ordnung (StVZO) enthält keine ausdrückliche Regelung zur Herstellung von Airbagnähten.

Oft wird deshalb behauptet, dass bereits der Austausch eines Sitzbezugs zum Erlöschen der Betriebserlaubnis führt.

Eine solche pauschale Aussage lässt sich aus der StVZO jedoch nicht ableiten.

Maßgeblich ist vielmehr, dass durch die Arbeiten keine Gefährdung der Fahrzeuginsassen entsteht.

Werden Sitzbezüge fachgerecht gefertigt und entsprechend den anerkannten technischen Verfahren verarbeitet, besteht aus fachlicher Sicht kein Anlass, allein deshalb von einer Stilllegung des Fahrzeugs auszugehen.

Warum entstehen überhaupt so viele Missverständnisse?

Das Thema Airbagnaht bewegt sich zwischen Fahrzeugtechnik, Handwerk und gesetzlichen Vorgaben.

Da es keine eigenständige gesetzliche Regelung gibt, entstehen immer wieder unterschiedliche Interpretationen.

Hinzu kommt, dass viele Aussagen über Jahre hinweg weitergegeben wurden, ohne den aktuellen technischen Hintergrund zu berücksichtigen.

Dadurch halten sich bis heute Behauptungen, die so nicht zutreffen.

Gerade deshalb kommt es auf die Erfahrung des ausführenden Fachbetriebs und eine nachvollziehbare Dokumentation der Arbeiten an.

Fachgerechte Verarbeitung ist entscheidend

Eine Airbagnaht ist keine gewöhnliche Naht.

Sie muss exakt definierten Anforderungen entsprechen und reproduzierbar gefertigt werden.

Dazu gehören unter anderem:

  • geeignete Materialien,
  • exakt abgestimmte Fertigungsparameter,
  • dokumentierte Arbeitsschritte,
  • eine kontrollierte Verarbeitung,
  • sowie eine eindeutige Zuordnung der gefertigten Sitzbezüge.

Nur wenn alle Faktoren zusammenpassen, kann die vorgesehene Funktion des Seitenairbags erhalten bleiben.

Aus diesem Grund sollten Arbeiten an Airbagnähten ausschließlich von qualifizierten Fachbetrieben durchgeführt werden.

Fazit

Ein neu bezogener Autositz bedeutet nicht automatisch ein Sicherheitsrisiko oder den Verlust der Betriebserlaubnis.

Entscheidend ist die fachgerechte Ausführung.

Qualifizierte Sattlereien arbeiten nach anerkannten Verfahren, dokumentieren ihre Fertigung und berücksichtigen sämtliche technischen Anforderungen des jeweiligen Sitzsystems.

Im zweiten Teil dieses Beitrags zeigen wir, welche Rolle der BVFR, die SAB-Naht, die Dokumentation jedes einzelnen Sitzbezugs sowie die Prüfungen durch unabhängige Prüflabore spielen.